Ich bin am Dienstag angekommen. Am Mittwoch habe ich nichts gemacht. Am Donnerstag auch nicht. Am Freitag bin ich wieder gefahren.
Man könnte nun einwenden, dass das für eine Reportage eine eher dünne Handlung ist. Stimmt. Andererseits war ich am Mittwoch mit dem Nichtstun vom Dienstag noch nicht ganz fertig. Und am Donnerstag hat es geregnet. Da wollte ich die Sache nicht unnötig unterbrechen. Ich war schließlich zum Erholen da. Und wenn es einen Ort gibt, an dem man diese weithin unterschätzte Tätigkeit noch einigermaßen ungestört ausüben kann, dann liegt er ein paar Kilometer außerhalb von Gaflenz.
Sebaldus Camping.
Ein Campingplatz auf einem Bio-Bauernhof, rundherum Berge, Wiesen und Wald. Keine Animation. Keine Poollandschaft mit sieben Rutschen. Keine Stimme aus einem Lautsprecher, die um 10.30 Uhr zum Aquagym bittet.
Dafür kräht irgendwo ein Hahn.
Eine Kuh muht.
Schafe blöken.
Und dann ist wieder Ruhe. Herrlich.
Die Ankunft
Ich komme mit dem Kastenwagen und Henry. Vor dem Bauernhaus ist Schluss mit Suchen. Hier ist die Rezeption. Wobei „Rezeption“ vielleicht ein etwas großes Wort ist. Es gibt ein Fenster, eine Klingel und Menschen dahinter. Man muss also nicht erst durch eine Lobby marschieren und Formulare in dreifacher Ausfertigung ausfüllen. Klingeln reicht.
Der Campingplatz selbst liegt daneben in der Landschaft. 32 Stellplätze, zwischen 70 und 140 Quadratmeter groß, dazu Zeltplätze. Alles neu. Alles gepflegt. Und vor allem: Platz. Richtig Platz! Keine Sardinenbüchse mit Markise. Der Nachbar steht nicht so nahe, dass man morgens weiß, ob er sein Ei hart oder weich gekocht hat.
Zwischen den Stellplätzen wurden Hunderte kleine blühende Sträucher gesetzt. Noch sind sie jung, in ein paar Jahren werden sie den Platz wahrscheinlich ganz selbstverständlich gliedern. Die Wege sind geschottert, die Stromsäulen nigelnagelneu, 16 Ampere liegen an. Mein Platz ist nicht hundertprozentig eben. Ein bisschen Auffahren genügt, Rangieren ist ohnehin kein Thema.
Und dann steht man da.
Vor einem nichts als Grün.
Dahinter Berge.
Darüber Himmel.
Das klingt jetzt verdächtig nach Tourismuswerbung. Ist aber leider so.

Es passiert nichts
Das Erste, was einem auf Sebaldus auffällt, ist vielleicht genau das, was fehlt. Lärm zum Beispiel. Oder Hektik.
Oder das Gefühl, möglichst schnell herausfinden zu müssen, was man hier alles unternehmen kann, damit der Urlaub nicht ungenutzt verstreicht.
Ich setze mich hin.
Henry schaut in die Gegend.
Ich auch.
Wir sind beide ziemlich gut darin.
Irgendwann kräht wieder der Hahn. Eine Kuh meldet sich zu Wort. Die Schafe haben offenbar ebenfalls etwas beizutragen. Das Ganze klingt ein wenig wie ein Bauernhoforchester ohne Dirigenten, funktioniert aber erstaunlich gut.
Autos hört man kaum.
Menschen auch nicht besonders.
Die Nacht wird dezent beleuchtet. Gerade genug, damit man den Weg findet, aber nicht so viel, dass mein Kastenwagen aussieht wie ein Gebrauchtwagen auf einem Händlerparkplatz.
Und für Hundemenschen gibt es an mehreren Stellen Sackerl fürs Gackerl. Kostenlos.
Henry hielt das vermutlich für selbstverständlich. Ich nicht.

Wellness ist woanders
Der Sanitärbereich besteht aus zwei noch unverkleideten Containern. Das Holz drumherum soll im Winter kommen . Sauber. Funktional. Toiletten sind ausreichend vorhanden. Duschen gibt es auch, wenngleich nicht in einer Zahl, die eine spontane Busladung synchron duschender Camper problemlos wegstecken würde.
Wenn alle gleichzeitig wollen, müsste man vielleicht Nummern ziehen. Aber alle wollen selten gleichzeitig.
Seife ist da. Papierhandtücher sind da. Warmwasser selbstverständlich auch.
Was mir fehlt? Haken. Mir fehlen immer Haken.
Man könnte mir eine Wand mit zwanzig Haken hinstellen und ich würde fragen, ob auf der anderen Seite vielleicht noch drei wären. Schließlich reist der moderne Mensch nicht nackt zur Dusche. Toiletttasche, frische Kleidung, Handy, Handtuch. Das Zeug will irgendwo hin, ein paar zusätzliche Ablagen würde ich ebenfalls nicht zurückweisen.
Mein Lieblingsdetail steht allerdings vor der Tür: Filzpantoffeln.
Die Betreiber bitten darum, den Duschbereich nicht mit Straßenschuhen zu betreten. Wer keine eigenen Badeschuhe dabeihat, kann in bereitgestellte Filzpantoffeln schlüpfen. Das ist lieb. Wirklich lieb.
Ob Filz und Wasser langfristig eine Beziehung mit Zukunft führen, wird sich zeigen.
Sebaldus ist jedenfalls kein Wellnessresort. Will es auch nicht sein.
Es ist ein Campingplatz auf einem Bauernhof. Wer nach dem Duschen noch zwei Stunden im Bademantel bei Gurkenwasser und Klangschalen liegen möchte, hat bei der Buchung möglicherweise falsch abgebogen.
Semmeln, die schon einmal einen Bäcker gesehen haben
Morgens gibt es Gebäck.
Und zwar vom Bäcker.
Das klingt zunächst nicht nach einer Sensation. Ist auf Campingplätzen aber durchaus erwähnenswert.
Keine tiefgekühlte Pseudosemmel, die irgendwann in einem Linzer Industriegebiet das Licht der Welt erblickt hat und vor Ort noch einmal kurz heiß gemacht wird.
Ein echter Bäcker.
Dazu gibt es einen Selbstversorger-Kühlschrank mit Produkten aus der Region. Joghurt mit Früchten, Würste vom Jäger, Säfte. Die Säfte sind gefährlich gut. Für größere Einkäufe muss man nach Gaflenz. Das sind ein paar Kilometer. Ich halte das für verkraftbar. Der erfahrene Camper kauft vorher ein. Der unerfahrene Camper lernt etwas fürs Leben. Und wer ein Fahrrad dabeihat, verbindet den Einkauf mit Bewegung und kann danach mit gutem Gewissen zwei Semmeln essen.
Auch einen Grillplatz gibt es.
Einen ziemlich großen sogar.
Ich hätte ihn gern ausprobiert, hatte aber gerade keine zwanzig Freunde dabei.

Kinder müssen hier etwas ganz Schreckliches tun
Sich selbst beschäftigen.
Es gibt einen Spielplatz mit Schaukel und Rutsche. Es gibt Wiesen. Wald. Tiere.
Gleich nebenan befindet sich ein weiterer kleiner Bauernhof mit Enten, Gänsen und ziemlich großen Laufvögeln, die nach meinem Dafürhalten Emus waren. Ich habe sie gefragt. Sie haben nicht geantwortet. Möglicherweise sprechen sie kein Deutsch.
Die Tiere sind nicht zum Kuscheln da. Zäune haben schließlich einen Zweck. Aber Kinder können schauen, entdecken und feststellen, dass eine Kuh in Wirklichkeit größer ist als auf dem Display.
Sebaldus ist kein Kinder-Entertainment-Park. Und genau das ist seine Qualität.
Hier gibt es etwas, das ein bisschen aus der Mode gekommen ist: Kindheit.
Wiese. Tiere. Dreck an den Schuhen. Frische Luft. Dinge entdecken, ohne dass daneben ein Schild steht, auf dem „Activity“ geschrieben ist.
Für manche Kinder wird das ein Paradies sein.
Andere werden zunächst erschüttert feststellen, dass die Natur keine Ladebuchse hat. Das könnte sich aber legen.

Empfang? Welcher Empfang?
Mein WLAN-Test fiel aus. Ich habe Starlink dabei und deshalb das WLAN des Platzes gar nicht ausprobiert.
Beim Mobilfunk sieht die Sache anders aus. Der Empfang war bei mir schwach. Als es regnete, wurde aus schwach teilweise sehr schwach. Wer also vorhat, auf Sebaldus acht Stunden täglich Videokonferenzen abzuhalten, sollte technisch vorsorgen.
Oder die Gelegenheit nutzen und einfach einmal nicht erreichbar sein. Es gibt schlimmere Schicksale.
Der Mann, der auf dem Weg nach Italien hier hängen blieb
Über allem schwebt in dieser Gegend ein Mann, der seit Jahrhunderten tot ist: Sebald.
Der Legende nach kam er aus dem Norden. Bei seiner eigenen Hochzeit soll er beschlossen haben, dass Heiraten vielleicht doch nicht die richtige Tagesbeschäftigung sei, und machte sich auf den Weg Richtung Süden. Einfach ausgebüchst, der Lauser. Italien war offenbar das Ziel. Weit kam er nicht.
Am Heiligenstein (der damals noch nicht so hieß) bei Gaflenz gefiel es ihm so gut, dass er blieb. Heute steht dort auf 782 Metern die einzige Sebalduskirche Österreichs. Seit Jahrhunderten pilgern Menschen hier hinauf. Sebald gilt hier unter anderem als Fürsprecher bei Krankheit und Unglück, als Viehpatron und, besonders hübsch, als Ehestifter. Elke erzählt mir, dass früher unverheiratete Mädchen aus der Gegend auf den Heiligenstein pilgerten, um für eine gute Partie zu bitten.
Ich weiß nicht, wie hoch die Erfolgsquote war. Bewertungen auf Google gibt es aus dieser Zeit leider keine.
Wer heute hinaufgeht, bekommt jedenfalls einen großartigen Blick über Gaflenz und auf die umliegenden Berge. Die Wanderung zum Heiligenstein gehört für mich zu den Dingen, die man hier tatsächlich machen sollte. Es sei denn, man hat gerade mit Nichtstun zu tun. Dann kann der Heilige warten.
Sieben Wege und kein Grund zur Eile
Auch Radfahrer haben hier eine ziemlich besonders Angebot. Die Sebaldustour besteht aus sieben Radpilgerrouten. Die kürzeren Varianten liegen ungefähr bei 35 bis 40 Kilometern, die längeren reichen bis rund 70 Kilometer. Gefahren wird überwiegend auf Radwegen, Nebenstraßen und Güterwegen. Trekkingrad, Gravelbike oder E-Bike passen also hervorragend.
Wer lieber zu Fuß pilgert, bekommt mit dem Sebaldusweg gleich 86 Kilometer in vier Etappen serviert. Er führt über Großraming, Losenstein, Laussa, Maria Neustift, Gaflenz und Weyer und wieder zurück.
Gaflenz hat außerdem ein Freibad, eine Kletterhalle und sogar einen Klettergarten.
Und wenn man einen Ausflug machen möchte, sind Steyr und Waidhofen an der Ybbs gute Ideen.
Waidhofen habe ich besucht.
Sehr schönes Städtchen.
Danach bin ich wieder zurückgefahren.
Man soll es mit den Aktivitäten nicht übertreiben.
Dann kamen Elke und Hermann vobei
Mit einem Schnaps.
Persönliche Begrüßung. So etwas lässt sich in keinem Buchungsportal unter „Ausstattung“ ankreuzen.
Wir haben uns hingesetzt.
Aus dem Willkommenstrunk wurde eine Plauderei.
Aus der Plauderei wurde ein Gespräch.
Über Sebaldus. Über den Platz. Über das Leben. Über Zeit. Über die Wege des Herrn und darüber, was eigentlich wichtig ist, wenn man den ganzen Krempel einmal weglässt, mit dem wir unsere Tage normalerweise vollstopfen.
Nach zwei Stunden waren wir Freunde. So einfach kann das manchmal sein. Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieses Campingplatzes.
Natürlich kann man 32 Stellplätze vermessen. Man kann Ampere zählen, Duschen begutachten und darüber diskutieren, ob drei zusätzliche Haken das Abendland retten würden.
Aber Plätze bestehen nicht nur aus Infrastruktur. Sie bestehen aus Menschen.
Und manchmal spürt man sehr schnell, ob jemand einen Campingplatz gebaut hat, weil irgendwo in einer Excel-Tabelle stand, dass Camping gerade ein Wachstumsmarkt ist.Oder weil jemand wirklich gerne Gastgeber ist. Bei Sebaldus muss man darüber nicht lange nachdenken. Man sieht es an den Wegen. An den kleinen Sträuchern. An der Beleuchtung. An den Hundesackerln. An den Filzpantoffeln. Am Gebäck vom Bäcker. Und irgendwann an einem Schnapsglas auf dem Tisch.

Weniger ist mehr
Mir hat auf Sebaldus nichts gefehlt.
Das ist vielleicht das größte Kompliment, das ich einem Campingplatz machen kann. Denn natürlich fehlt dort einiges. Es fehlt der Pool. Es fehlt das Restaurant. Es fehlt das Spa. Es fehlt die Animation. Es fehlt die Schranke. Es fehlt der Supermarkt vor der Haustür. Und es fehlt offenbar jemand, der mir sagt, was ich den ganzen Tag machen soll. Gott sei Dank.
Dafür gibt es Platz. Ruhe. Natur. Menschen. Und Zeit. Zeit mit der Familie. Mit den Menschen, mit denen man unterwegs ist. Mit dem Hund. Oder einfach mit sich selbst.
Man könnte miteinander reden. Das soll früher ziemlich weit verbreitet gewesen sein.
Vielleicht ist das überhaupt die beste Freizeitaktivität auf Sebaldus. Zusammensitzen. Schauen. Reden. Schweigen. Und irgendwann feststellen, dass seit einer Stunde niemand aufs Handy geschaut hat.
Freitag
Am Freitag packe ich zusammen.
Henry steigt ein. Ich schaue noch einmal hinaus auf die Wiesen, die Berge und dieses viele Grün.
Drei Tage war ich hier. Ich habe fast nichts gemacht. Und selten war eine Reise produktiver.
Vielleicht fahren wir viel zu oft irgendwohin, um dort möglichst viel zu erleben.
Vielleicht kann man auch irgendwohin fahren, um endlich einmal weniger zu erleben. Und dafür mehr mitzubekommen.
Sebaldus ist so ein Ort.
Draußen ist näher.
Manchmal sogar ziemlich nah.
Sebaldus in Bildern.
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